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Fallstudie · Topologieoptimierung

Vom Fahrzyklus zum gefertigten Rotor.

Ein permanenterregter Motor wurde auf zwei konkurrierende Ziele optimiert, musste dabei elektrische und mechanische Randbedingungen einhalten und wurde anschließend gefertigt und vermessen. Dieser Beitrag zeichnet den Weg vollständig nach.

Dr. Alexander Schugardt · Dissertation · 2026 · 8 Min. Lesezeit

Warum dieser Fall wichtig ist

Ein Motor läuft nicht nur bei einem Drehmoment und einer Drehzahl. Ob ein Entwurf taugt, entscheidet sich an allem, was er leisten muss.

Viele Optimierungsstudien verbessern eine Maschine in einem einzigen Betriebspunkt. Das hält den Rechenaufwand beherrschbar, blendet aber leicht aus, was im realen Betrieb passiert: Eine Geometrie, die in einem Punkt glänzt, verschiebt die Verluste womöglich nur in einen anderen Teil des Lastzyklus.

Alexander Schugardt hat den Rotor in seiner Promotion an der TU Berlin als mehrkriterielles, multiphysikalisches Auslegungsproblem behandelt. Ziel war es, mit weniger Permanentmagnetmaterial auszukommen und zugleich den Wirkungsgrad über einen vollständigen Fahrzyklus zu maximieren, nicht nur im Nennpunkt.

ElektroblechMagnetLuft
Querschnitt des achtpoligen Referenzrotors: vergrabene Magnete mit kurzen Lufttaschen an ihren Enden.Welle

Ausgangspunkt

Referenzrotor

Die gefertigte Referenzmaschine: acht vergrabene Magnete, jeweils mit kurzen Lufttaschen an den Enden. Jeder optimierte Kandidat musste diesen Rotor in dessen Fahrzyklus übertreffen.

Die Basis

Querschnitt des topologieoptimierten Rotors im selben Maßstab: dieselben vergrabenen Magnete, umgeben von organisch geformten Lufttaschen.Welle

Topologieoptimiert

Optimierter Rotor

Der Optimierer verteilt das Material frei, und es entstehen Lufttaschen in Formen, die in keiner Katalogzeichnung vorkommen. Diese Variante wurde bis zur Fertigung und Messung weitergeführt.

Freie Materialverteilung

Beide Querschnitte sind maßstabsgleich aus den Simulationsmodellen der Studie gezeichnet, nicht frei illustriert.

Die Aufgabe

Zwei Ziele verbessern, ohne eine der fünf Bedingungen zu verletzen.

Weniger Magnetmaterial nützt nichts, wenn der Motor danach das geforderte Drehmoment nicht mehr aufbringt, seine elektrischen Grenzen sprengt oder bei hoher Drehzahl versagt. Jeder Kandidat musste alle Anforderungen gleichzeitig erfüllen.

Ziel 01

Wirkungsgrad im Fahrzyklus maximieren

Ziel 02

Magnetmaterial minimieren

Harte Randbedingungen

  • Jeden geforderten Betriebspunkt im Fahrzyklus erreichen
  • Mit verfügbarer Spannung und verfügbarem Strom auskommen
  • Mechanische Festigkeit bei 120 % der Maximaldrehzahl sicherstellen
  • Den definierten transienten Entmagnetisierungsfall überstehen
  • Fertigungs- und montagegerecht bleiben

Der Fahrzyklus

Den realen Betrieb abbilden, ohne in jeder Iteration jeden Punkt zu simulieren.

Ein vollständiger Fahrzyklus enthält zu viele Betriebspunkte, um sie in jeder Generation einer stochastischen Optimierung direkt zu berechnen. Die Studie hat die Betriebspunkte des Lastzyklus deshalb zu Clustern zusammengefasst und daraus fünf repräsentative Punkte mit jeweils eigener Gewichtung bestimmt.

Für den untersuchten Zyklus wich der aus diesen fünf Punkten berechnete Gesamtwirkungsgrad nur um 0,2 % von dem Wert ab, der sich aus allen Betriebspunkten ergibt. So blieb der Rechenaufwand der Optimierung beherrschbar, und der reale Lastzyklus ging trotzdem in die Zielfunktion ein.

5

repräsentative Betriebspunkte

0,2 %

Abweichung im berechneten Gesamtwirkungsgrad

BetriebspunktClusterzuordnungRepräsentativer Punkt · Fläche = Gewicht
Liniendiagramm des WMTC-Fahrzyklus: geforderte Fahrzeuggeschwindigkeit in Kilometern pro Stunde über 600 Sekunden. Das Fahrzeug beschleunigt immer wieder auf 20 bis 45 km/h und bremst bis zum Stillstand ab.025500200400600Zeit in sGeschwindigkeit in km/h

Der Lastzyklus

600 Sekunden geforderte Fahrzeuggeschwindigkeit: der WMTC-Zyklus, auf den die Studie optimiert hat. Jede Sekunde verlangt vom Motor eine bestimmte Kombination aus Drehzahl und Drehmoment.

Streudiagramm der Betriebspunkte, die der Zyklus vom Motor fordert, aufgetragen als Drehmoment über Drehzahl. Eine dünne Linie verbindet jeden Punkt mit dem repräsentativen Punkt seines Clusters. Der mit neununddreißig Prozent gewichtete Repräsentant liegt bei hoher Drehzahl und niedrigem Drehmoment.0480200040006000Drehzahl in U/minDrehmoment in NmRepräsentativer Punkt: 1099 U/min, 3,04 Nm, Gewichtung 4 %4 %Repräsentativer Punkt: 2554 U/min, 6,41 Nm, Gewichtung 10 %10 %Repräsentativer Punkt: 3990 U/min, 0,81 Nm, Gewichtung 19 %19 %Repräsentativer Punkt: 4193 U/min, 3,3 Nm, Gewichtung 28 %28 %Repräsentativer Punkt: 5817 U/min, 1,35 Nm, Gewichtung 39 %39 %

Derselbe Zyklus aus Sicht des Motors

In der Drehmoment-Drehzahl-Ebene werden daraus Betriebspunkte. Sie bilden fünf Cluster. Je Cluster geht ein gewichteter Punkt in die Optimierung ein, und diese fünf Punkte vertreten dort den gesamten Zyklus.

Die Optimierungsschleife

Jede neue Geometrie musste physikalisch und fertigungstechnisch bestehen.

Der automatisierte Prozess variierte nicht bloß eine Zeichnung. Er baute ein gültiges Modell auf, wendete geometrische Filter an, führte elektromagnetische und mechanische Berechnungen durch, prüfte die Randbedingungen und gab das Ergebnis an den Optimierer zurück.

  1. 01

    Geometrie vorschlagen

    Der Optimierer verändert die Materialverteilung, die Lufttaschen und, wo erlaubt, die Geometrie der vergrabenen Magnete.

  2. 02

    Aufbereiten und prüfen

    Filter und Glättung entfernen unbrauchbare Details. Danach wird geprüft, ob sich aus der Geometrie ein gültiges Simulationsmodell ergibt.

  3. 03

    Physik berechnen

    Elektromagnetische Simulationen liefern Drehmoment, Spannung und Verluste. Eine mechanische FEM-Rechnung prüft Spannungen und Verformungen im Blech.

  4. 04

    Bewerten und wiederholen

    Ziele und harte Randbedingungen fließen in eine gemeinsame Bewertung ein. Sie steuert, welche Kandidaten als Nächstes entstehen.

Das ausgewählte Ergebnis

Weniger Magnetmaterial, alle Betriebsanforderungen erfüllt.

Diese Zahlen gelten für genau diese Referenzmaschine, diesen Fahrzyklus, diesen Designraum und diese Randbedingungen. Sie belegen, dass der Prozess funktioniert. Eine Garantie für dieselben Prozentwerte bei einem anderen Motor sind sie nicht.

10 %

weniger Magnetmaterial

Die schließlich ausgewählte Geometrie kam mit zehn Prozent weniger Magnetvolumen aus als der Referenzrotor.

2,4 %

geringere Rotormasse

Die geänderte Geometrie von Magneten und Lufttaschen hat auch die Gesamtmasse des Rotors gesenkt.

Gleich

simulierter Wirkungsgrad im Fahrzyklus

Über den betrachteten Fahrzyklus erreichte der optimierte Entwurf denselben simulierten Wirkungsgrad wie die Referenzmaschine.

Foto eines gefertigten, optimierten Rotorblechpakets: ein Stahlring mit acht Magnettaschen und den optimierten Lufttaschen
Gefertigtes Ergebnis · Optimiertes Rotorblechpaket

Vom Entwurf ins Blech

Zwei Rotorvarianten wurden gefertigt und montiert.

Vor der Fertigung wurden, wo nötig, kleine Radien und Details der Lufttaschen angepasst. Die geänderte Geometrie wurde erneut simuliert. Danach folgte ein mechanischer Festigkeitsnachweis mit feinerem Netz.

Die Rotorbleche wurden lasergeschnitten, zu Paketen verklebt, mit den Permanentmagneten bestückt und in die Referenzmaschine eingebaut. Auf diesen Schritt kommt es an. Eine mathematisch elegante Kontur wird erst dann zu einem Ergebnis, mit dem Ingenieure arbeiten können, wenn sie den Weg in die Hardware übersteht.

Messung

Die Simulationen wurden an den realen Rotoren überprüft.

An den gefertigten Rotoren wurden Polradspannung, Drehmoment und Wirkungsgradkennfelder gemessen. Die Polradspannung lag innerhalb der Messtoleranz, die Abweichungen beim Drehmoment im Bereich der Messunsicherheit.

Zwischen simuliertem und gemessenem Wirkungsgrad traten Unterschiede von bis zu 2 % auf. Die Studie führt sie auf Effekte zurück, die in der Simulation nicht vollständig abgebildet waren, darunter die Umrichterspeisung, Fertigungseinflüsse, Kreisströme und Stirnraumeffekte. Rechnet man die Unsicherheiten der Messgeräte ein, gelten die Simulationen im Rahmen der Arbeit als validiert.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Validiert heißt nicht, dass Simulation und Hardware exakt übereinstimmen. Es heißt, dass die verbleibende Differenz gemessen, erklärt und im Hinblick auf die technische Entscheidung bewertet ist.

Wirkungsgrad in %758595Differenz in %-Punkten-2-10

Simulation

Simuliertes Wirkungsgradkennfeld des topologieoptimierten Rotors über Drehzahl und Drehmoment. Der Wirkungsgrad steigt vom Rand bei niedriger Drehzahl bis auf etwa vierundneunzig Prozent im dunklen Bereich bei hoher Drehzahl und mittlerem Drehmoment.12345610002000300040005000Drehzahl in U/minDrehmoment in NmWirkungsgrad ≈ 74,4 %Wirkungsgrad ≈ 75,2 %Wirkungsgrad ≈ 76 %Wirkungsgrad ≈ 76,8 %Wirkungsgrad ≈ 77,6 %Wirkungsgrad ≈ 78,4 %Wirkungsgrad ≈ 79,2 %Wirkungsgrad ≈ 80 %Wirkungsgrad ≈ 80,8 %Wirkungsgrad ≈ 81,6 %Wirkungsgrad ≈ 82,4 %Wirkungsgrad ≈ 83,2 %Wirkungsgrad ≈ 84 %Wirkungsgrad ≈ 84,8 %Wirkungsgrad ≈ 85,6 %Wirkungsgrad ≈ 86,4 %Wirkungsgrad ≈ 87,2 %Wirkungsgrad ≈ 88 %Wirkungsgrad ≈ 88,8 %Wirkungsgrad ≈ 89,6 %Wirkungsgrad ≈ 90,4 %Wirkungsgrad ≈ 91,2 %Wirkungsgrad ≈ 92 %Wirkungsgrad ≈ 92,8 %Wirkungsgrad ≈ 93,6 %Wirkungsgrad ≈ 94,4 %

Messung

Auf dem Prüfstand gemessenes Wirkungsgradkennfeld desselben Rotors. Es hat dieselbe Form, der Bereich mit dem höchsten Wirkungsgrad liegt an derselben Stelle, und die Abweichungen bleiben innerhalb weniger Prozent.12345610002000300040005000Drehzahl in U/minDrehmoment in NmWirkungsgrad ≈ 73,6 %Wirkungsgrad ≈ 74,4 %Wirkungsgrad ≈ 75,2 %Wirkungsgrad ≈ 76 %Wirkungsgrad ≈ 76,8 %Wirkungsgrad ≈ 77,6 %Wirkungsgrad ≈ 78,4 %Wirkungsgrad ≈ 79,2 %Wirkungsgrad ≈ 80 %Wirkungsgrad ≈ 80,8 %Wirkungsgrad ≈ 81,6 %Wirkungsgrad ≈ 82,4 %Wirkungsgrad ≈ 83,2 %Wirkungsgrad ≈ 84 %Wirkungsgrad ≈ 84,8 %Wirkungsgrad ≈ 85,6 %Wirkungsgrad ≈ 86,4 %Wirkungsgrad ≈ 87,2 %Wirkungsgrad ≈ 88 %Wirkungsgrad ≈ 88,8 %Wirkungsgrad ≈ 89,6 %Wirkungsgrad ≈ 90,4 %Wirkungsgrad ≈ 91,2 %Wirkungsgrad ≈ 92 %Wirkungsgrad ≈ 92,8 %Wirkungsgrad ≈ 93,6 %

Differenz (Messung − Simulation)

Messung minus Simulation über dasselbe Kennfeld, fast überall knapp unter null. Der gefertigte Rotor lag also nahezu im gesamten Kennfeld etwas unter seinem simulierten Wirkungsgrad, um höchstens etwa anderthalb Prozentpunkte.12345610002000300040005000Drehzahl in U/minDrehmoment in NmDifferenz ≈ -1,4 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,35 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,3 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,25 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,2 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,15 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,1 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1,05 ProzentpunkteDifferenz ≈ -1 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,95 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,9 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,85 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,8 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,75 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,7 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,65 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,6 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,55 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,5 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,45 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,4 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,35 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,3 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,25 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,2 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,15 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,1 ProzentpunkteDifferenz ≈ -0,05 Prozentpunkte

Wirkungsgradkennfelder des topologieoptimierten Rotors, direkt aus dem Messraster der Studie erstellt. Das Differenzkennfeld zeigt Messung minus Simulation, fast überall knapp unter null. Der gefertigte Rotor lag also auf dem größten Teil des Kennfelds etwas unter seinem simulierten Wirkungsgrad. Der leere Bereich bei hoher Drehzahl und hohem Drehmoment liegt außerhalb der Spannungs- und Stromgrenzen der Maschine.

Was der Fall zeigt

Weniger Material, volle Leistung, in Hardware nachgewiesen.

Optimiert für den realen Betrieb

Der Rotor wurde über seinen gesamten Fahrzyklus verbessert, nicht in einem einzigen, günstig gewählten Betriebspunkt. Fünf gewichtete Punkte bildeten in jeder Bewertung eines Entwurfs die vollen 600 Sekunden des geforderten Betriebs ab, auf 0,2 % genau.

Ohne Abstriche

Der Rotor braucht zehn Prozent weniger Magnetmaterial und ist 2,4 % leichter, bei gleichem Wirkungsgrad im Fahrzyklus wie die Referenzmaschine. Mechanische Festigkeit, Entmagnetisierungsfestigkeit und Fertigbarkeit waren für jeden Kandidaten der Suche harte Randbedingungen.

In Hardware nachgewiesen

Zwei optimierte Rotoren wurden gefertigt, montiert und auf den Prüfstand gebracht. Polradspannung und Drehmoment stimmten innerhalb der Messtoleranz mit den Simulationen überein. Damit ist die gesamte Kette vom Fahrzyklus bis zum gefertigten Rotor validiert.

Dr. Alexander Schugardt

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Dr. Alexander Schugardt

Alexander ist CTO und Mitgründer von Neuraway AI. In seiner Dissertation hat er sich mit der mehrkriteriellen Form- und Topologieoptimierung permanenterregter Synchronmaschinen über Fahrzyklen befasst.

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